Kompetenzen

Warum schüttelt man in Bulgarien den Kopf, wenn man eine Frage bejaht, warum wird man in Tirol schnell mal geduzt und wieso kann einem die uns vertraute „Okay“-Geste in Italien große Probleme bereiten? Alles eine Kulturfrage.

Wir alle werden durch die jeweilige Kultur im persönlichen Umfeld bzw. Land geprägt – unweigerlich. Brauchtum, Sprache, Gestik, Mimik, Werte, Umgangsformen etc. werden dadurch maßgeblich beeinflusst. Und dieser Einfluss erschwert oftmals das Miteinander.

Durch zunehmende Globalisierung, einfachere Reisemöglichkeiten und steigende Migration ist dieser Einfluss größer geworden. Die Fähigkeit, mit Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen richtig umgehen zu können nennt man “Interkulturelle Kompetenz“. Und diese kann man erlernen.

Aktuelle Studien belegen, deutlich mehr als die Hälfte aller internationalen Geschäfte scheitern an mangelndem Kulturverständnis und angemessener Kommunikation. Auch innerhalb von Mutter-Tochter-Gesellschaften internationaler Konzerne führt dieser Umstand zu dauerhaften Missverständnissen und Missstimmungen.

Warum in die Ferne schweifen?

In zahlreichen Unternehmen wird die Notwendigkeit kultureller Trainings in Zusammenhang mit Ex-Pats in entlegene Länder  ­­– mit deutlichen Kulturunterschieden – und sogenannter “Ziellandvorbereitung” gesehen, also mit grenzüberschreitenden Themen in Verbindung gebracht. Doch häufig liegen die Probleme aber weitaus näher, als man denkt – und man erkennt sie mitunter gar nicht als Problem.

Warum also in die Ferne schweifen? Schon von unseren deutschen Nachbarn trennen uns ÖsterreicherInnen kulturell gesehen oftmals Welten. Ganz zu schweigen von der gemeinsamen und gleichzeitig trennenden Sprache. Aber selbst innerhalb Österreichs gibt es schon deutliche Mentalitäts- und Kulturunterschiede. Haben Sie sich noch nie gewundert, warum Sie in Tirol gerne mal wie selbstverständlich geduzt werden? In Wien ist das nahezu undenkbar.

Kulturelle Unterschiede machen auch nicht an der Landesgrenze Halt. Ein Blick auf unsere Bevölkerungsstruktur macht klar, dass die kulturelle Vielfalt alltäglicher Bestandteil unserer Gesellschaft geworden ist. Auf der einen Seite stehen zahlreiche international agierende Unternehmen und kulturell bunt zusammengewürfelte Teams. Andererseits macht der Anteil der hier lebenden Migrantinnen und Migranten bereits ein Fünftel der österreichischen Gesamtbevölkerung aus. Es gibt also gute Gründe, sich interkulturelle Fähigkeiten anzueignen. Wer glaubt, dieses Wissen sei nicht erforderlich, da sich sein Geschäftsbereich nur auf Österreich beschränkt, der irrt.

Kulturelle Überlegenheit

Wie bereits erwähnt, kann man sich interkulturelles Know-how aneignen, z.B. durch den Besuch entsprechender Trainingsmaßnahmen. Dabei geht es im ersten Schritt noch gar nicht um das konkrete Erlernen von Gestik, Mimik, Tradition, Sprache, Umgangsformen, etc. Das grundsätzliche Verstehen von unterschiedlichen Kulturen beginnt beim Bewusstwerden der eigenen kulturellen Prägungen und Konventionen sowie dem Ablegen des Überlegenheitsgedanken der eigenen Kultur. Das Erkennen der Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Kulturen ist unumgänglich und die Eintrittskarte in die spannende Welt der Interkulturalität.

Als Einstieg in ein interkulturelles Training können Zahlen und Daten dienen, um die Notwendigkeit von interkultureller Kompetenz zu veranschaulichen. Einzelne Kulturstandards sollen im Training ebenso behandelt werden wie Kommunikationskonventionen. Stereotype und Vorurteile dürfen auch nicht fehlen, um anhand konkreter Beispiele die Hintergründe zu beleuchten. Häufig in Zusammenhang mit interkulturellem Know-How in Verbindung gebrachte Begriffe wie bspw. Kultur, Interkulturalität, Multikulturalismus, Integration vs. Inklusion, Erste/Zweite/Dritte Generation, Migration, etc. sollten ebenso erläutert werden. Einsichten in verschiedene Wertesysteme sowie Verständnisübungen machen ein gutes und umfassendes  Training komplett.

Vorteil Vorurteil

Vorurteile erschweren das Training dabei nicht – ganz im Gegenteil. Vorurteile sind als bereichernde Praxisbeispiele großartig, um zu pointieren. Meist rühren Vorurteile ja aus Unwissenheit, vorgefassten Meinungen und schlechten Erfahrung her. Und mal ehrlich, wir alle haben doch Vorurteile. Wer hielt Amerikaner nicht schon mal für oberflächlich und aufgesetzt freundlich? Dieses Verhalten unserer mitteleuropäischen eher distanzierten Höflichkeit gleichzustellen, ist ein schwieriger Schritt. Macht man sich aber bewusst, dass auch unser Verhalten für Amerikaner wiederum seltsam erscheinen mag, erkennt man die Gleichwertigkeit der kulturellen Unterschiede.

Hat man also die erste Hürde genommen, ist schon viel erreicht. Bereits mit diesem neuen Wissen werden eventuelle Stolpersteine aus dem Weg geräumt und potentielle Konfliktherde eliminiert. Damit erreicht man die Grundvoraussetzung für den Reibungsverlust: den Zugang zu anderen Kulturen auf Augenhöhe. Durch Offenheit und Einfühlungsvermögen gelingt es, Menschen anderer Kulturen, ihre Handlungen, Denkweisen und Emotionen zu verstehen. Erst nach dieser Grundsensibilisierung sollte man den nächsten Schritt angehen: das tatsächliche Erlernen der jeweiligen Kultur(en) in ihrer vollen Bandbreite, um so Tradition, Umgangsformen, Gestik, Mimik etc. zu beherrschen.

Interkulturelle Kompetenz ist also der Schlüssel für das gegenseitige Verständnis sowie den Aufbau langfristiger und guter Beziehungen zu KollegInnen und KundInnen. Die neu erlernten Fähigkeiten ermöglichen somit auch die Erschließung neuer Zielgruppen. Und auch außerhalb des Business-Kontextes ist das neue Wissen von großem Nutzen. Ob in der U-Bahn, in der Nachbarschaft oder beim nächsten Italien-Urlaub – mit der (dann wie selbstverständlichen) richtigen „Okay“-Geste.

Über den Autor:

Mathias_CimzarMathias Cimzar ist ausgebildeter Kommunikations- und Verhaltenstrainer und Coach, Gründer und Geschäftsführer von MTraining. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf interkultureller Kompetenz, Diversity-Themen, Verkauf sowie Führungskräften und Teams.

Weitere Informationen über Mathias Cimzar

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