Coaching

Diese zugegebenermaßen provokante Aussage trifft auf viele Männer zu. Es sind wenige, die sich spektakulär über eine Brücke in die Tiefe stürzen oder einen anderen medienwirksamen Abgang wählen. Allerdings mache ich tatsächlich bei vielen Beratungsgesprächen die Erfahrung, dass besonders erfolgreiche und engagierte Männer gefährdet sind, ihrem Leben zumindest auf Raten ein Ende zu setzen − egal, ob dies durch einen fortgesetzten Raubbau am eigenen Körper, oder, wie zuvor beschrieben, durch die Wahl extrem gefährlicher Hobbys und Urlaubsziele geschieht. Ich kenne viele weitere tragische Beispiele. Da ich einige Jahre als Notfallseelsorger in der Krisenintervention beim Roten Kreuz gearbeitet habe, bekam ich häufig Einblicke in mysteriöse Todesfälle. In vielen Fällen ging diesen dramatischen Ereignissen eine jahrzehntelange, leidvolle Lebensgeschichte voraus.

Bei Selbstmord liegt natürlich klar auf der Hand, dass der Betroffene keine andere Chance mehr sah, seine Probleme zu lösen, als sich das Leben zu nehmen. Bei Verkehrsunfällen sieht es da schon ganz anders aus. Es gibt tatsächlich wesentlich mehr Menschen als der Allgemeinheit bekannt sind, die als letzten Ausweg den Tod bei einem Verkehrsunfall wählen. Sie trauen sich auch über den Tod hinaus nicht, ihre Maske fallen zu lassen und wählen deshalb eine Todesart, die nicht klar als Selbstmord identifiziert werden kann.

Natürlich gibt es dann keinen Abschiedsbrief, und man liest in der Zeitung Folgendes: „Erfolgreicher Manager unter unglücklichen Umständen von der Straße abgekommen“ oder „Familienvater von zwei Kindern vermutlich zu schnell in eine Kurve gefahren und mit einem Lastwagen kollidiert“. Es gibt zahlreiche interne Studien und Erfahrungen, dass viele solche Unfälle dazu benützt werden, einen Selbstmord zu verschleiern. Dies ist wohl auch gut so, weil die Lebensversicherungen schnell ausbezahlt werden und der Ruf in der Familie gewahrt bleibt. Auf emotionaler Ebene ist es für die Hinterbliebenen oftmals ein gewisser Trost, wenn sie nicht so frontal mit den knallharten Fakten eines Todes durch Erhängen oder Erschießen konfrontiert werden.

Einem der Betroffenen, der sich vor vielen Jahren, während meiner größten Krise, vom Dach eines Krankenhauses in den Tod stürzte, bin ich heute indirekt noch dankbar. Dieser Mann war mit 43 Jahren jüngster Vorstandsvorsitzender einer großen Firma und sein Tod war natürlich das Tagesgespräch in den Medien. Ich schnitt damals sämtliche, teils seitengroße Todesmeldungen aus, um sie mir als mahnendes Denkmal bis heute aufzubewahren. In den verschiedenen Berichten wurde bekannt, dass er sich schon seit mehreren Jahren in ärztlicher Behandlung befand. Die Ärzte hatten aber keine Depression, sondern lediglich verschiedene organische Beschwerden festgestellt, die sie mit Pillen und Kuren mehr oder weniger erfolgreich in Schach zu halten versuchten.

Männer haben Angst vor Therapeuten

Therapeutische Hilfe verweigern Männer aber auch strikt. „Hetzen Sie mir nur ja nicht einen Vogeldoktor an den Hals“, ist eine Aussage, die ich oft höre. Deshalb versuche ich, beim Coaching nicht über die Überlastung des Mannes zu sprechen und auch anfänglich nicht von einer Depression (so was hat ein starker Mann nicht), sondern versuche, ihn auf der Sachebene abzuholen. So kann ich ihm Zeit geben, sich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, warum er gerade so schlecht drauf ist. Spannend ist, dass Betroffene oft schon in der zweiten Stunde mit den wirklichen Themen herausrücken. Ich erlebe sie förmlich wie einen übervollen Krug, der nur darauf gewartet hat, dass ihm jemand hilft, sich auszuleeren.

Die Depression als Tabuthema

Gerade Männer in verantwortlichen Positionen tun sich oftmals schwer, ihre Überlastung einzugestehen. Erschreckende Zahlen zeigen auf, dass in Österreich fast 60 Prozent der Topführungskräfte sehr häufig das Gefühl haben, durch ihre berufliche Tätigkeit zu stark belastet zu sein. Ein Zustand, den auch über 50 Prozent aller deutschen Führungskräfte sehr gut kennen. Sie klagen über chronische Erschöpfung, hervorgerufen durch Stress und Überforderung. „Viele Menschen können die Möglichkeit zur Entspannung nicht richtig nutzen”, weiß Dr. Vinzenz Mansmann, Chefarzt der NaturaMed Kliniken in Bad Waldsee und Deutschlands bekanntester Anti-Stress-Experte.

Wenn Manager scheitern, spricht man in der Forschung auch davon, dass sie „entgleisen“ (englisch: „derail“). Ergebnisse aus der „Derailment“-Forschung, beispielsweise von den Psychologen Joyce und Robert Hogan sowie von Sydney Finkelstein, Professor für Management an der Tuck School of Business am Dartmouth College, zeigen, dass sich diese „Entgleisungen“ meist schon länger andeuteten, die Betroffenen und ihr Umfeld diese Zeichen aber nicht wahrgenommen haben oder wahrnehmen wollten.

Längerfristige Überforderung wirkt als „schleichendes Gift“

Es sind zwar konkrete berufliche oder private Ereignisse die letztlich zum „Entgleisen“ führen, doch in fast allen Fällen zeigt sich eine schon länger andauernde Überforderung. Betroffene klagen über zu wenig Zeit für die Familie, extreme Arbeitszeiten, zu wenig Platz für Privates oder ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kindern. Sie nehmen ihre Frau und die Kinder nur noch als weitere Aufgabe wahr, die gemeistert werden muss.

Im Rahmen einer konzerninternen Auftragsstudie ließen Freiburger Unternehmensberater in 30 Unternehmen Führungskräfte anonyme Fragebogen ausfüllen. Dabei gaben 60 Prozent an, morgens ungern an ihren Schreibtisch zu gehen. Zusätzlich litten sie unter Schweißausbrüchen und schlechtem Schlaf. Die meisten davon gaben allerdings den äußeren Umständen die Schuld an ihrem Zustand. Sie machten diese dafür verantwortlich, dass sie ihre Arbeit nur mehr als Belastung erlebten. Aber wer möchte schon einen depressiven Vorstandsdirektor, Manager, Betriebsleiter? Allein schon aus diesem Wissen heraus teilen sich die betroffenen Personen nicht mit. Dies macht den Zustand auf Dauer noch unerträglicher und die begleitenden Probleme werden weiter verstärkt.

Depressionen werden oft nicht erkannt

Sehr oft erlebe ich, dass erfolgreiche Männer zu mir kommen, die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befinden und diesen Erfolg scheinbar auch genießen. Unangenehme Begleiterscheinungen wie Kopfweh, Darmprobleme, Ohrensausen, Magenschmerzen oder Verspannungen nehmen sie zwar wahr, können aber keinen Zusammenhang zu ihrer Psyche feststellen. Sie betrachten ihren Körper als Maschine, die einfach zu funktionieren hat. Dabei sollte man den eigenen Körper als Mitarbeiter sehen, der Wesentliches dazu beiträgt, dass der Erfolg langfristig abgesichert ist. Wenn dieser „Mitarbeiter“ nicht mitspielt, ist auch der Erfolg gefährdet. Für Männer ist es scheinbar wesentlich einfacher, „mechanische“, körperliche Beschwerden einzugestehen, als sich mit psychischen Erkrankungen auseinanderzusetzen. So wird die Depression häufig erst dann erkannt, wenn es bereits sehr spät ist.

Die Voraussetzungen für ein authentisches Leben

Die besten Rahmenbedingungen für „zurück zum eigenen Leben“ sind sehr einfach, aber nicht leicht! Das hört sich wie ein Widerspruch an, wird aber in der Realität tatsächlich von vielen so erlebt. Es geht hauptsächlich um das Wiedererlernen des Staunens, Wahrnehmens, der Achtsamkeit und Ruhe. Dabei ist alles andere als Hektik, Tun und Machen angesagt. Gerade das „Nichts-erreichen-Müssen“ ist die beste Voraussetzung auf dem Weg zu sich selbst. Das erleben aber viele als befremdend, unrealistisch und schwer. Wie sollte es auch anders sein, wenn das bisherige Leben von Leistung, Erfolg, teuren Gütern und Aktivität geprägt war?

Die Balance von Leistung und Besinnung macht erfolgreich

Eine gute Balance zwischen Leistung und Besinnung gewinnt eine immer größere Bedeutung. „Wie kann ich mich selbst führen und meine körperliche und seelische Gesundheit erhalten?“, ist eine Frage, mit der sich zunehmend mehr Männer auseinandersetzen sollten. Um langfristig erfolgreich zu bleiben, ist es notwendig, grundsätzlich zu überdenken, was dem eigenen Leben Sinn gibt. Man sollte sich damit auseinandersetzen, was einen trägt und Möglichkeiten finden, auf dem inneren Weg zu reifen. Der Mensch hat somit einen doppelten Auftrag: Einerseits trägt er Verantwortung für sein Umfeld, andererseits hat er den Auftrag, seine Innenwelt in gleichem Maße mit einzubeziehen.

Der Weg nach innen alleine genügt nicht

Viele Menschen, die äußerlich auf dem Gipfel ihrer beruflichen Karriere stehen, kennen das Gefühl von undefinierbarer Angst, Schuld und Leere und beginnen sich deshalb mit spirituellen Dingen zu beschäftigen. Flucht in die Weltfremdheit ist dabei aber keine Lösung. Seminare wie „Der Weg nach innen“, Meditationskurse zu den tiefsten Schichten der Seele, spirituelle fernöstliche Angebote und esoterische Veranstaltungen boomen immer mehr. Fasziniert von immer neuen tiefen Erlebnissen verschlingen viele Suchende Seminare und Angebote und laufen dabei in die genau verkehrte Richtung. Sie beginnen sich von Politik, Wirtschaft und alltäglichen Geschäften abzuwenden, um sich in das Gefängnis der Innerlichkeit zurückzuziehen. Einige verlieren den Bezug zum gewöhnlichen Handeln, suchen intensiv den Weg der Erleuchtung und werden dadurch von ihren Mitmenschen als abgehoben erlebt. So vertieft sich die Kluft zwischen den beiden verschiedenen Welten. Der Zugang zu Tiefe und Weisheit lässt sich nicht erzwingen. Viele Menschen beschäftigen sich deshalb oft jahrelang mit der Esoterik um herauszufinden, wie man Glück und Heil erreichen kann. Beinahe jeder kommt aber irgendwann an einen Punkt, an dem er nicht mehr weiter weiß und fällt dadurch in ein noch tieferes Loch als vor dem Beginn der Reise zum inneren Heil.

Menschen, die mit ihrer Welt im Einklang sind, nutzen ihre inneren Ressourcen, um sich auf die täglichen Aufgaben vorzubereiten. Sie verwenden ihre innere Kraft, um der Umwelt mit Mitgefühl und Verständnis zu begegnen. Von solchen Menschen wird man nie hören „Ich hole mir jetzt meine göttliche Kraft“ oder „Ich wende mich jetzt meiner Erleuchtung zu“. Für sie steckt die Kraft im ganz gewöhnlichen täglichen Tun.

Männer mit echter Spiritualität mögen ihre Stärken und Schwächen

Es gibt auf der Welt keinen Menschen, der nur mit Sonnenseiten gesegnet ist. Wenn er auch noch so intensiv und lange versucht, seine Schattenseiten zu verbergen, so wird doch irgendwann auch dieser Teil in ihm seinen Tribut fordern. Meist dann, wenn der Körper nach Krankheit geschwächt ist oder einem durch ein unerwartetes Schicksal der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Irgendwann kann das künstlich hochgehaltene Konstrukt des Perfektionismus nicht mehr aufrechterhalten werden und das bisherige Leben stürzt zusammen wie ein Kartenhaus. Spätestens dann müssen perfektionistische Menschen lernen, auch die Seiten zu akzeptieren, die nicht dem Ideal des Vorzeigbaren und Souveränen entsprechen.

Ein wesentlicher Entwicklungsschritt ist also das Akzeptieren der eigenen Schatten- und Sonnenseiten. Die persönliche Weiterentwicklung besteht darin, auch die negative Seite der Persönlichkeit wahrzunehmen und anzunehmen. Das heißt erkennen, dass man erfolgreich sein, aber auch scheitern kann. Man kann selbstbewusst oder zweifelnd, gut drauf oder deprimiert sein. Wir können perfekt sein und trotzdem Fehler machen.

Männer mit Schwächen sind echt

Wenn man sich auf diesen Prozess einlässt und anfängt die Angst zu verlieren, bei Schwäche verachtet oder belächelt zu werden, kann Folgendes festgestellt werden: Die anderen gegenüber reagieren nicht mit Verachtung, sondern mit Sympathie und Gefühl. Die Menschen spüren, dass eine solche Person echt ist und sich nicht verstellt. Das schafft Sympathie. Wer die Entscheidung getroffen hat, seine Schwächen zuzulassen und diese auch offen zuzugeben, hat wesentlich weniger Stress. Es ist eine große Erleichterung, wenn man auch in schwachen Zeiten zu sich stehen kann.

Eine gute Übung könnte sein, auszuprobieren, welche Wirkung erzielt wird, wenn man zu seinen Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeitern gegenüber Äußerungen tätigt wie: „Das weiß ich im Moment nicht, ich sehe da habe ich mich geirrt, verzeihen Sie bitte, ich merke, ich habe jetzt nicht mehr genug Konzentration, ich habe keine Ahnung wie ich das machen soll“. Andere Sätze könnten sein: „Ich würde es gern machen, aber ich trau mich nicht dran, ich merke, dass ich diese Arbeit jetzt überhaupt nicht machen will, mir geht es im Moment nicht wirklich gut und ich brauche etwas Zeit für mich“. Viele Personen sind überrascht, wie befreiend und entlastend solche Sätze wirken und wie gut und positiv diese bei den Kolleginnen und Kollegen ankommen.

Achtsam leben ist die Basis für mehr Selbstbestimmung

Wie kommt man also zu einer gewissen Achtsamkeit im Leben? Anfangs ist es notwendig, mit einer intensiven Selbstbeobachtung über eine längere Zeit die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Dies geschieht mit einer Art Tagesprotokoll, in dem die Betroffenen lernen, ihr Befinden, ihre Gefühle und Gedanken durch mehrmaliges tägliches Beobachten besser wahrzunehmen. Erst dann kann mit den ersten Fähigkeiten begonnen werden!

Die wichtigsten Fähigkeiten zu einem selbstbestimmten Leben

  1. Die Fähigkeit des Staunens und Lachens: Hier kann man sich viel von Kindern abschauen und es lohnt sich, diese verlernten Fähigkeiten wieder aufzufrischen.
  2. Die Fähigkeit der Achtsamkeit: Wer wach und achtsam durch das Leben geht, der kann besser im Hier und Jetzt leben. Er nimmt dadurch sich selbst und den Mitmenschen besser wahr.
  3. Die Fähigkeit zum Selbstgefühl: Ein gutes Gefühl zu sich selbst macht sich als echtes Mitgefühl zu anderen Menschen bemerkbar. Dies ist die beste Voraussetzung, um andere so zu lassen wie sie sind.
  4. Die Fähigkeit Konflikte auszutragen: Wenn man weiß, dass man bei jedem Konflikt mit beteiligt ist, dann muss man die Schuld nicht mehr länger auf den anderen abwälzen. Man kann sich fragen: „Was ist mein Beitrag zu diesem Konflikt und was kann ich verändern und in Zukunft anders machen?“.
  5. Die Fähigkeit auf seinen Körper zu achten: Wenn man dafür sorgt, dass der Körper genug Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf bekommt, dann wird dieser langfristig mit Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden reagieren. Wenn man lernt, auf seine innere Stimme zu hören, dann wird man frei. Frei für die Entscheidung, das zu tun, was für einen selbst richtig und gut ist und nicht das, was andere für gut halten.

Fazit:

Egal wo Männer gerade stehen oder in welchem Sumpf sie stecken, sie können jeden Tag beginnen, Ihr Leben so zu verändern, dass es lebenswerter und wertvoller wird. Allerdings nur dann, wenn sie wissen, dass sie immer selber dafür verantwortlich sind und kein Partner, Kunde, Mitarbeiter oder Lieferant. Wenn sie beginnen auf ihre Gefühle zu achten und ein für sie lohnenswertes Ziel erarbeiten (möglichst im Einklang mit ihrer Partnerin), dann merken sie in kurzer Zeit, dass sich die Lebensqualität wesentlich verbessert. Viele dieser Gedanken stammen aus meinem Buch „Männer haben keine Depressionen“. Es ist im Jahr 2013 im Kreuz Verlag erschienen (ISBN 978-3-451-61189-6)

Lesen Sie in Teil 1: Welche 4 Wege erfolgreiche Männer, die in die Depression führen

Über den Autor:

HuemerGottfried Huemer ist Fachkraft für Psychosomatik, Unternehmensberater und Diplom Lebensberater. Als Absolvent der Akademie für Gesundheitsberufe (GESPAG) kann er auf eine fundierte Ausbildung im Bereich Stressmanagement und deren Folgen zurückgreifen. Neben seiner Tätigkeit als Institutsleiter begleitet Huemer Menschen und Organisationen auf der Suche nach mehr Zeit und Lebensqualität in Beruf und Familie.

Weitere Informationen über Gottfried Huemer

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