Wir alle haben sie und unser gesamtes Handeln wird von ihnen bestimmt: Vorurteile. Einige sind uns bekannt – viele aber sind uns meist gar nicht bewusst. Vorurteile sind per se nichts Schlimmes, der Umgang damit kann aber zum Problem werden. Vor allem, wenn wir nicht wissen, welche Vorurteile uns leiten und lenken.

Eigene Erfahrungen, kulturelle Prägung, Einflüsse unserer direkten Umgebung bestimmen die Vorurteile, die wir in uns tragen. Sie geben uns Sicherheit, durch sie kategorisieren wir Menschen, Dinge, Situationen in gut und böse, nützlich oder gefährlich, usw. Sie beeinflussen unser Tun und Denken, entscheiden über Bevorzugung oder Benachteiligung. So wirken Vorurteile auch dabei, wen wir auf der Straße nach der Uhrzeit fragen, mit welcher Airline wir fliegen, bei welcher Supermarktkassa wir uns anstellen, welche Menschen wir einstellen oder wen wir in eine Projektgruppe aufnehmen. In den meisten Fällen wissen wir gar nicht, wie diese unzähligen Entscheidungen, die wir tagtäglich fällen, zustande kommen und welche Einflüsse gewirkt haben.

Im Fall der unbewussten Vorurteile sprechen wir heutzutage von „Unconscious Bias“, englisch für „unbewusste Verzerrung“. Damit ist gemeint, dass wir uns nicht bewusst sind, welche Verzerrungen durch die erwähnten Erfahrungen, Wertehaltungen etc. auf die Wahrnehmung und folglich auf Entscheidungen wirken. Die Auseinandersetzung mit eben diesen „blinden Flecken“ ist gerade für Führungskräfte hilfreich und unterstützt sie darin, vorurteilsfrei und ohne blinde Flecken zu agieren um ihre Teams zu führen oder Veränderungsprozesse handzuhaben.

Unconscious Bias als Gehirnleistung?

Das menschliche Gehirn besteht aus vernetzten Gehirnregionen, entwickelt sich ständig weiter und verarbeitet viele Prozesse in unserem Unterbewusstsein. So komplex unser Gehirn auch aufgebaut ist, es ist darauf abgestimmt, unser Überleben zu sichern und dafür einfache Entscheidungen zu fällen. Dabei nutzt es bestimmte Muster, um kognitive Ressourcen zu sparen. Es vereinfacht sozusagen, es entscheidet assoziativ oder instinktiv. Dies stellt den Kern der Unconscious Bias unseres Gehirns dar – man könnte sogar sagen, dass Unconscious Bias ein Hauptmerkmal unseres Gehirns sind! Es ist nicht außergewöhnlich, dass wir Menschen auf den ersten Blick kategorisieren und nur bestimmte Merkmale dabei betrachten. Unsere Wahrnehmung konzentriert sich aus Gewohnheit auf bestimmte Punkte um sie schnell und effizient den Erfahrungen zuzuordnen, der Rest wird gefiltert.

Gleichzeitig ist unser Gehirn stark emotionsgetrieben, alle Informationen werden mit Emotionen verbunden. Emotionen spielen also in unserem Gehirn bei jedem Prozess eine gewichtige Rolle. Wenn wir aber von emotionalen Entscheidungen sprechen, so meinen wir damit Emotionen, die wir nicht steuern können. Wir verknüpfen sowohl positive als auch negative Erfahrungen mit Emotionen, vor allem frühkindliche Erfahrungen. Ständig versuchen wir unsere Grundbedürfnisse (Selbstwert, Kontrolle, Orientierung, Bindung, Lustgewinn) zu befriedigen. Gelingt uns dies, wir das Belohnungszentrum stimuliert. Erfüllen wir diese Bedürfnisse nicht, werden negative Emotionen mit dieser Information abgespeichert.

Es zeigt sich also, wie schwer es ist, vorurteilsfrei zu agieren und wertungsfreie – also rein rationale – Entscheidungen zu treffen. Denn unser selbständig arbeitendes und denkendes Gehirn findet immer plausible Erklärungen für unsere unbewussten Reaktionen. Wir nehmen unsere Umwelt durch unsere Brille wahr und sind wahre Meister/innen im Erklären dieser Verzerrungen. Niemand will Unconscious Bias haben und erklären diese daher sehr gern. Aber wir alle haben sie – egal ob Frau oder Mann, jung oder alt, unabhängig von Erfahrungs- oder Bildungsgrad, ungeachtet unserer Herkunft. Ausnahmslos. Und wir bleiben ihnen gerne treu. Denn wir leben von Erfahrungen, verankern Bias im Gehirn und folgen diesem Muster immer wieder wodurch wir diesen Bias verstärken – ein Teufelskreis.

Herausforderung für Führungskräfte

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und den blinden Flecken ist vor allem für Führungskräfte hilfreich. Ein vorurteilsfreies Klima ist mit ein wesentlicher Beitrag zur Förderung effizienter Zusammenarbeit, gegenseitigem Vertrauen bis hin zu größerer Diversität und gelebter Gleichstellung. Durch die instinktiven Unconsicous Bias ist auch unser Umgang mit der Vielfalt in Unternehmen geprägt.

Aufgrund unserer im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen und Bilder verknüpfen wir „Führung“ mit Männern und schon haben wir Attribute wir „männlich“, „stark“ etc. im Kopf. Aus dem gleichen Grund bevorzugen wir Menschen aus unserem eigenen Kulturkreis, arbeiten lieber mit Gleichaltrigen oder Älteren zusammen, trauen jungen Kolleg/innen keine Kompetenz zu etc. Hier gilt es, gegen unser Gehirn anzukämpfen und verankerte Muster aufzubrechen. Keine leichte Aufgabe, wie schon Albert Einstein erkannte: „Es sei schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“

Ein Blick hinter die Vorurteile lohnt

Wer bereit ist, seine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, entdeckt dabei seine Vorurteilen. Was wird bei Ihnen ausgelöst, lesen Sie den Begriff „Integration“? Denken Sie dabei an Kriminelle aus Osteuropa? Entstehen bei Ihnen Bilder von Pflegekräften ohne Arbeitspapiere? Oder sehen Sie dabei die Herausforderungen, vor der Migrant/innen stehen – vom Behördendschungel bis hin zu offener Ablehnung durch die Gesellschaft? Oder haben Sie vielleicht Bilder von hoch qualifizierten Zuwanderer/innen vor Augen, deren Potential durch fehlende gesetzliche Rahmenbedingungen vergeudet wird?

Wie schwierig der offene Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen für uns ist, lässt sich an Fragen wie

Was wissen Sie von fremden Religionen, wie weit haben Sie sich mit dem Brauchtum anderer Kulturen auseinandergesetzt? Warum gewähren wir Homosexuellen nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuellen, warum beschneiden wir Frauen am Arbeitsmarkt und bezahlen gleiche Leistung mit ungleichem Lohn? festmachen.

Eingefahrene Sichtweisen zu erkennen und sich diese einzugestehen ist der erste Schritt. Daher sollten wir uns als Konsequenz Fragen wie „Warum denke ich so?“ „Was hat mich dazu veranlasst, diese Sichtweise zu haben?“ und vor allem „Wie kann ich diese Sichtweise ablegen?“ stellen.

Ausweg gesucht

Im beruflichen Zusammenhang gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit Unconscious Bias umzugehen. Gemein haben alle, dass am Anfang die individuelle Arbeit steht, also die eigenen Vorurteile hinterfragt werden, Erfahrungen und Erlebnisse neu bewertet und somit die Sichtweise geändert wird. Entsprechende Sensibilierungsmaßnahmen und (Kultur-/Kommunikations)Schulungen sind dabei eine gute Hilfestellung. Verstärkt werden diese Bestrebungen durch die aktive Auseinandersetzung mit eben jenen Themen/Personen/Situationen, die vorurteilsbehaftet sind um durch mehr Wissen darüber auch mehr Verständnis zu erreichen.

Auf der anderen Seite trägt die Abbildung der sozialen Vielfalt in Unternehmen und Organisationen zur „Neuprogrammierung“ bei. Dazu ist allerdings schon eine vorurteilsfreie/-befreite Rekrutierung erforderlich. Anonymisierte Bewerbungen sind nur ein Beispiel dafür. Wichtig auch für die Personalsuche ist die Kenntnis um die blinden Flecke der Organisation und handelnden Personen und das entsprechende Entgegenwirken.

Unbestritten ist, es wird immer schwieriger, talentierte Mitarbeiter_innen zu gewinnen um die zahlreichen unternehmerischen Herausforderungen zu bewältigen, die eine zunehmend globalisierte Gesellschaft und demographische Veränderungen mit sich bringen. Vielfältig aufgestellte Unternehmen liegen dabei klar im Vorteil, da sie Vorurteile zu Vorteilen gewendet haben.

Die Auseinandersetzung mit Unconscious Bias und einer vorurteilsfreien Vielfaltskultur ist dabei sicher nicht das einfachste Unterfangen. Aber dafür ist es ein sehr Lohnendes. Ohne Ablegen der Vorurteile spielen wir ein riskantes Spiel. Denn nicht zuletzt setzen wir damit die unternehmerische Zukunft aufs Spiel. Und damit auch verbunden unsere gesellschaftliche Zukunft.

Über den Autor:

Mathias_CimzarMathias Cimzar ist ausgebildeter Kommunikations- und Verhaltenstrainer und Coach, Gründer und Geschäftsführer von MTraining. Die Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf interkultureller Kompetenz, Diversity-Themen, Verkauf sowie Führungskräften und Teams.

Weitere Informationen über Mathias Cimzar

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