{"id":6447,"date":"2019-11-21T10:59:40","date_gmt":"2019-11-21T08:59:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weiterbildungsmarkt.net\/magazin\/?p=6447"},"modified":"2019-08-29T15:19:26","modified_gmt":"2019-08-29T13:19:26","slug":"new-work-eine-moderne-selbst-ausbeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weiterbildungsmarkt.net\/magazin\/new-work-eine-moderne-selbst-ausbeutung\/","title":{"rendered":"\u201eNew Work\u201c &#8211; Eine moderne (Selbst-)Ausbeutung?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Soeben las ich mal wieder einen Artikel, genauer gesagt ein Interview in Wirtschaftswoche.de zum Thema New Work mit der \u00dcberschrift \u201eNiemand kann sich acht Stunden konzentrieren\u201c.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihm wird Lasse Rheingans, der Inhaber bzw. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Agentur RHEINGANS DIGITAL ENABLER, Bielefeld, interviewt, der in seinem Unternehmen die 25-Stunden-Woche eingef\u00fchrt hat \u2013 \u201ebei vollen Gehalt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Unternehmen werden laut Wirtschaftswoche.de, um \u201edie Arbeit von 8 Stunden derart zu verdichten, alle potenziellen Ablenkungen vermieden\u201c: Die Mitarbeiter \u201earbeiten einen Wochenplan ab, nutzen keine privaten Smartphones und chatten nicht, es gibt keinen Kaffeek\u00fcchentratsch und keine Social Media am Rechner. Gefragt sind volle Konzentration auf die gesetzten Ziele. Zum Lohn gibt es bei Vollzeit-Gehalt einen fr\u00fchen Feierabend &#8211; und freiwillige Teamtreffen zum Mittagessen nach der Arbeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie sollte es anders sein, selbstverst\u00e4ndlich hat der Inhaber der Agentur, der auch Speaker zum Thema New Work ist, \u00fcber dieses Arbeitszeitmodell ein Buch geschrieben. Sein Titel:\u00a0 \u201eDie 5-Stunden-Revolution \u2013 Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken\u201c. In ihm erkl\u00e4rt Rheingans, laut Verlagsangaben, warum ein 5-Stunden-Tag wie in seinem Unternehmen zukunftsweisend ist.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00e4tte noch ein paar Fragen an die New-Worker\u2026<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelesen habe ich das im Campus Verlag frisch erschienene Buch (noch) nicht, weil mich offen gesagt, die oberfl\u00e4chlichen Artikel \u00fcber dieses in der Zeit, der Wirtschaftswoche, der Bild-Zeitung usw. schon nervten. In ihnen fragte kein Journalist zum Beispiel mal nach:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\u201eUnd wieviel Geld zahlen Sie nun Ihren Mitarbeitern f\u00fcr eine (25-Stunden-)Voll-Zeit-Stelle? Dieselben \u201aHungerl\u00f6hne\u2018 wie viele andere Agenturen oder\u2026?\u201c Und:<\/li>\n<li>\u201eSind die Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig bei Ihnen besch\u00e4ftigt oder sind diese weitgehend \u201aFreelancer\u2018?\u201c<\/li>\n<li>\u201eWieviel Urlaubstage haben Ihre festangestellten Mitarbeiter pro Jahr? 30 Tage oder nur die gesetzlich vorgeschriebenen 20 Tage wie in vielen Agenturen?\u201c Und:<\/li>\n<li>\u201eWie ist die Altersstruktur Ihrer Mitarbeiter? Handelt sich bei ihnen weitgehend um Studenten und junge M\u00fctter, die ohnehin nur maximal 25 Stunden die Woche arbeiten m\u00f6chten oder d\u00fcrfen oder sind sie die \u201aHauptern\u00e4hrer\u2018 ihrer Familien?\u201c Und:<\/li>\n<li>\u201eWie viele Praktikanten sind unter Ihren Mitarbeitern?\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">\u2026 und wo bleiben die Freir\u00e4ume zum kreativen Arbeiten?<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da mich das interessierte, schaute ich mal auf die Webseite von RHEINGANS DIGITAL ENABLER. Mein Eindruck: Von den dort abgebildeten 16 MitarbeiterInnen sind au\u00dfer dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer maximal zwei, drei knapp \u00fcber 30. Entsprechend gro\u00df d\u00fcrfte der Anteil der Noch-Studierenden, Praktikanten und jungen M\u00fctter sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und kein Journalist fragte mal kritisch nach, wenn wie zum Beispiel in wirtschaftswoche.de der Buchautor zum Thema \u201eNew Work\u201c einerseits sagt: \u201eEs geht gar nicht so sehr um die Zeit, sondern um die Einstellung zur Arbeit. Die sollte ergebnisorientiert sein. Kreative Prozesse kann man nicht in Zeit ausdr\u00fccken, der eine arbeitet schnell, der andere langsam.\u201c Und andererseits einige Abschnitte weiter: \u201eIch frage aber regelm\u00e4\u00dfig nach, ob alle noch bereit sind, den Preis (f\u00fcr dieses Arbeitszeit- und Entlohnungsmodell \u2013 Anmerkung) zu bezahlen. Und der ist: diese Arbeit ist extrem anstrengend, denn man erledigt in f\u00fcnf Stunden so viel wie anderswo in acht. Jeder muss enormen Einsatz und Energie investieren\u2026.\u201c Wo bleiben da die Freir\u00e4ume, die man \u2013 wie ich mal h\u00f6rte \u2013 zum kreativen Arbeiten braucht?<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">\u201eNew Work\u201c oder moderne (Selbst-)Ausbeutung?<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich: Ist das nicht eine neue Form der \u2013 scheinbar freiwilligen \u2013 (Selbst-)Ausbeutung, die jedoch verkaufsf\u00f6rdernd mit einem New-Work-M\u00e4ntelchen umh\u00fcllt wird? Fragen \u00fcber Fragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klar ist mir jedoch: Dies ist nicht die Arbeitsform, die ich mir f\u00fcr mich selbst und meine Mitarbeiter w\u00fcnsche \u2013 gerade, weil sich niemand acht Stunden konzentrieren kann (und auch nur f\u00fcnf Stunden schwer am St\u00fcck). \u00a0Gerade deshalb m\u00f6chte ich keinen Arbeitstag, der so verdichtet ist, dass ich nicht auch mal<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>\u201etratschen\u201c kann,<\/li>\n<li>eine Zigarette vor der T\u00fcr rauchen kann,<\/li>\n<li>den Sportteil in der Zeitung durchbl\u00e4ttern kann oder<\/li>\n<li>eine Partie \u201eInternet-Backgammon\u201c spielen kann,<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn ich das Gef\u00fchl habe \u201eIch brauche diese Auszeit bzw. diesen Abstand jetzt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegenteil! Ich erachte es zuweilen sogar als meine Pflicht als Vorgesetzter, den Tratsch bzw. das Gespr\u00e4ch \u00fcber Dinge, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, und das gemeinsame Kaffee-Trinken in meinem B\u00fcro zu stimulieren. Und selbstverst\u00e4ndlich sollen meine Mitarbeiter w\u00e4hrend ihrer Arbeitszeit mal mit ihrem Partner telefonieren k\u00f6nnen oder eine WhatsApp-Nachricht von ihren Kindern lesen k\u00f6nnen. Alles andere w\u00e4re aus meiner Warte inhuman bzw. w\u00fcrde ihrer Lebenssituation nicht gerecht; au\u00dferdem w\u00fcrde es weder die Effektivit\u00e4t, noch die Kreativit\u00e4t f\u00f6rdern, sondern nur den Arbeitsdruck erh\u00f6hen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">New-Work-Propagandisten sind keine Vorbilder<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Arbeitsformen und Arbeitszeitmodelle wie bei RHEINGANS DIGITAL ENABLER m\u00f6gen aufgrund der Mitarbeiterstruktur und Arbeitsinhalte im Einzelfall durchaus ihre Berechtigung haben. Dass die Medien sie jedoch zu Vorbildern f\u00fcr die Wirtschaft hochjubeln, ist Quatsch, denn das sind sie nicht. Denn bei einem n\u00e4heren Hinsehen handelt es sich bei den \u201egelobhuddelten\u201c Unternehmen in der Regel um Digital-Agenturen oder Beratungsunternehmen, die maximal ein, zwei Dutzend Mitarbeiter besch\u00e4ftigten (bzw. so viele Namen auf ihrer Webseite stehen haben), die sich gerne als Berater in Sachen \u201eNew Work\u201c profilieren m\u00f6chten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Vorbilder f\u00fcr die \u201eArbeit von morgen\u201c in gr\u00f6\u00dferen Unternehmen, deren Belegschaften viel heterogener sind, taugen sie meist nicht \u2013 auch weil bei einer solchen Arbeitsverdichtung wie bei RHEINGANS DIGITAL ENABLER keine emotionale Bindung ans Unternehmen entsteht. Vielmehr rei\u00dfen die Mitarbeiter, so meine Vermutung, im Idealfall hochkonzentriert ihre f\u00fcnf Stunden herunter, und dann verlassen sie mit einem Seufzer der Erleichterung das B\u00fcro. Deshalb nach eine Frage an die New-Work-Propagandisten: \u201eWie lange ist die Verweildauer der Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autor: Bernhard Kuntz<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.weiterbildungsmarkt.net%2Fmagazin%2Fnew-work-eine-moderne-selbst-ausbeutung%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fwww.weiterbildungsmarkt.net%2Fmagazin%2Fnew-work-eine-moderne-selbst-ausbeutung%2F&text=%E2%80%9ENew%20Work%E2%80%9C%20%E2%80%93%20Eine%20moderne%20%28Selbst-%29Ausbeutung%3F\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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