{"id":9731,"date":"2024-11-27T09:23:16","date_gmt":"2024-11-27T07:23:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.weiterbildungsmarkt.net\/magazin\/?p=9731"},"modified":"2024-10-23T12:26:08","modified_gmt":"2024-10-23T10:26:08","slug":"distributed-cognition-theory-das-kollektive-und-individuelle-lernen-verzahnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.weiterbildungsmarkt.net\/magazin\/distributed-cognition-theory-das-kollektive-und-individuelle-lernen-verzahnen\/","title":{"rendered":"Distributed Cognition Theory: Das kollektive und individuelle Lernen verzahnen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die IT-Technik, wozu auch die K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) z\u00e4hlt, erm\u00f6glicht es Unternehmen, ganz neue Lernarchitekturen und -landschaften zu schmieden. Das ist auch n\u00f6tig, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lernen ist ein individueller Prozess. Diese \u00dcberzeugung pr\u00e4gte lange Zeit unser Denken. Entsprechend stark wird das individuelle Lernen teilweise noch heute nicht nur in den (Hoch-)Schulen, sondern auch Betrieben stimuliert. Erst in den letzten Jahrzehnten setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass das Lernen \u2013 also der kognitive Prozess, in dem sich Menschen neues Wissen aneignen und in ihr vorhandenes integrieren \u2013 kein Prozess ist, der sich nur in ihren K\u00f6pfen vollzieht. Er vollzieht sich vielmehr auch<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>in der Interaktion mit der Umgebung, in der die Lern- und Sozialisationsprozesse stattfinden,<\/li>\n<li>in der Kommunikation und Auseinandersetzung mit anderen Personen und<\/li>\n<li>unter Nutzung von Tools, die dem Erwerb und Austausch von Wissen und Erfahrung dienen.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Vordenker in diesem Bereich war der 1980 verstorbene Schweizer Biologe und Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie Jean Piaget. Unter anderem auf seinen Vorarbeiten baut auch die in den 1990er Jahren von dem US-amerikanischen Anthropologen Edwin Hutchins, entwickelte Distributed Cognition Theory bzw. Theorie der verteilten Kognition auf. Ihre Grundannahme lautet: Das zum L\u00f6sen einer Aufgabe n\u00f6tige Wissen (Cognition) muss nicht im Kopf einer Person vorhanden sein. Es kann auch auf mehrere Personen verteilt und sogar medial, also in Gegenst\u00e4nden, gespeichert sein.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Das Lernen findet in einem (sozialen) Kontext statt.<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus heutiger Sicht ist dieses Denken nicht neu. Schlie\u00dflich ist in den Betrieben inzwischen zum Beispiel die Teamarbeit g\u00e4ngige Praxis. Sie geht davon aus, dass<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>wenn mehrere Personen gemeinsam eine Aufgabe erf\u00fcllen und dabei ihr Wissen und ihre Erfahrung teilen, oft bessere Arbeitsergebnisse erzielt werden, als wenn eine Person dies allein tut, und<\/li>\n<li>sich in dieser Zusammenarbeit auch individuelle und kollektive Lernprozesse vollziehen, sodass au\u00dfer der Kompetenz der Teammitglieder auch die der Organisation steigt.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch kaum ber\u00fccksichtigt wurde dieses Wissen jedoch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung. In ihr wurde das Lernen noch weitgehend als ein individueller Prozess verstanden. Eine entsprechend geringe Bedeutung wurde der Theorie der verteilten Kognition beigemessen. Ein Tatbestand, der aufgrund des wachsenden Change- und somit Lernbedarfs in den Unternehmen zunehmend als Manko erkannt wird, weshalb immer mehr HR-Verantwortliche fordern: In unserer Organisation muss sich eine neue Lernkultur entwickeln, die au\u00dfer dem individuellen auch das kollektive Lernen stimuliert und hierf\u00fcr m\u00fcssen die n\u00f6tigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Bedeutung der Lernmedien und -infrastruktur wird oft untersch\u00e4tzt<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine noch geringere Bedeutung wurde in der Vergangenheit der Tatsache beigemessen, dass der Theorie der verteilten Kognition zufolge das zum L\u00f6sen einer Aufgabe n\u00f6tige Know-how auch medial gespeichert sein kann \u2013 und dies, obwohl auch in ihr bereits solche Utensilien wie<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Karteikarten und Schautafeln,<\/li>\n<li>Lehr- und Handb\u00fccher,<\/li>\n<li>Videos und CBT-Programme<\/li>\n<li>Lern-PCs und vereinzelt sogar Lernplattformen<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">zum Lernen genutzt wurden. Ihre Bedeutung wird von den Unternehmen erst so recht erkannt, seit diese sich aufgrund des Arbeitskr\u00e4ftemangels und Generationswechsels in ihrer Belegschaft zunehmend mit dem Thema Wissensmanagement befassen; also mit der Frage, wie kann das in den K\u00f6pfen unserer Mitarbeiter vorhandene Fach- und Erfahrungswissen so gespeichert werden, dass dieses auch andere Personen sich aneignen und nutzen k\u00f6nnen, und zunehmend damit begannen, Wissensdatenbanken aufzubauen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Das Thema \u201everteilte Kognition\u201c gewinnt durch KI an Relevanz<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beschleunigt wird dieser Prozess au\u00dfer durch die fortschreitende Digitalisierung seit zwei, drei Jahren dadurch, dass im Markt immer mehr KI-Systeme offeriert werden, die nicht nur gigantische Datenmengen verarbeiten k\u00f6nnen, sondern selbst auch lernende Systeme sind und mit den Menschen interagieren. Daraus erwuchs eine Reihe neuer Fragen wie zum Beispiel:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Wie wird sich k\u00fcnftig die Zusammenarbeit Mensch-Maschine gestalten?<\/li>\n<li>Welche Funktion k\u00f6nnen in diesem Prozess KI-Systeme \u00fcbernehmen?<\/li>\n<li>Inwieweit k\u00f6nnen sich die KI-Systeme und Menschen wechselseitig beim Lernen unterst\u00fctzen?<\/li>\n<li>Welche Lern- und Kommunikationskultur und -infrastruktur muss hierf\u00fcr in den Unternehmen bestehen?<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierdurch gewann auch die Theorie der verteilten Kognition bzw. \u201eDistributed Cognition\u201c an Relevanz, weil sie erweitert das Verst\u00e4ndnis erweitert,<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>wie Menschen denken, lernen und handeln und<\/li>\n<li>wie wichtig hierbei der jeweilige Kontext ist, in dem diese Prozesse stattfinden.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar gibt es auch kritische Stimmen bez\u00fcglich dieser Theorie. So zum Beispiel, dass ihre Definition von Kognition so weit gefasst sei, dass eine Unterscheidung zwischen individuellen und verteilten kognitiven Prozessen kaum noch m\u00f6glich sei. Dies k\u00f6nnte aber auch eine Folge der zunehmenden digitalen Vernetzung sein.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Das Lernen in den Betrieben auf ein neues Fundament stellen<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeachtet dessen erfordern jedoch die Herausforderungen, vor denen die Unternehmen in der von rascher Ver\u00e4nderung gepr\u00e4gten VUKA-Welt stehen, und die Technologiespr\u00fcnge, die sich im IT-Bereich, wozu auch die KI z\u00e4hlt, vollziehen, innovative Ans\u00e4tze, um das Lernen so gestalten, dass es dem gewandelten betrieblichen Bedarf entspricht und \u201ezukunftsf\u00e4hig\u201c ist. Hierf\u00fcr bietet die Theorie der verteilten Kognition den n\u00f6tigen theoretischen Rahmen, indem sie das Verst\u00e4ndnis von Kognition erweitert und die Bedeutung der sozialen Interaktionen, Werkzeuge und Umgebungen f\u00fcr den Lernprozess betont. Deshalb spielt sie in der Debatte \u00fcber das k\u00fcnftige Lernen eine wachsende Rolle; auch, weil sie sozusagen das theoretische Fundament f\u00fcr Antworten auf die Frage liefert, wie die KI im betrieblichen (Aus- und Weiter-)Bildungsbereich genutzt werden kann und welche Rolle sie k\u00fcnftig im Leistungserbringungsprozess spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorstellbar ist vieles. So zum Beispiel, dass die KI die Mitarbeitenden von Routineaufgaben entlastet, so dass diese mehr Zeit zum Entfalten ihrer kreativen und sozialen F\u00e4higkeiten sowie zum Lernen haben; des Weiteren, dass sie Prozesse, Abl\u00e4ufe und sonstige Daten analysiert und f\u00fcr die einzelnen Mitarbeiter und Teams ma\u00dfgeschneiderte Lernpfade entwirft. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die digitalen Werkzeuge (gem\u00e4\u00df dem Axiom, dass das Denken und Lernen meist in einem sozialen Kontext erfolgt), die Zusammenarbeit und Kommunikation in Lerngruppen verbessern. Zudem k\u00f6nnen KI-gest\u00fctzte Anwendungen wie Chatbots und virtuelle Assistenten und Tutoren als pers\u00f6nliche Unterst\u00fctzer im Lernprozess dienen. Dabei k\u00f6nnen diese Tools sowohl Hilfsmittel f\u00fcr die Lernenden als auch Lehrenden sein, also die den Lernprozess unterst\u00fctzenden Personen wie Aus- und Weiterbildner, Trainer und Coachs.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Mit der Digitaltechnik neue Lernlandschaften und -kulturen kreieren<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exemplarisch seien hier einige Ansatzpunkte zum Neugestalten der Lernlandschaften und -kulturen in den Unternehmen mit Hilfe der IT-Technik und KI gem\u00e4\u00df den Axiomen einer verteilten Kognition bzw. \u201eDistributed Cognition\u201c genannt.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li><strong>Gestaltung effektiver Lernumgebungen: <\/strong>Mit Hilfe solcher digitalen Tools wie interaktiven Whiteboards k\u00f6nnen dynamische Lernumgebungen geschaffen werden, die die Interaktion der Mitarbeiter sowie deren Wissens- und Erfahrungsaustausch stimulieren.<\/li>\n<li><strong>F\u00f6rderung der Teamarbeit und des kollaborativen Lernens: <\/strong>Digitale Tools k\u00f6nnen auch das Peer-Tutoring stimulieren, bei dem die Mitarbeiter gemein Aufgaben l\u00f6sen und hierbei voneinander lernen. Dies f\u00f6rdert das (wechselseitige) Verst\u00e4ndnis und den Beziehungsaufbau.<\/li>\n<li><strong>Einsatz adaptiver Lerntechnologien: <\/strong>KI-gest\u00fctzte Lernplattformen k\u00f6nnen individuelle Lernpfade f\u00fcr die Mitarbeiter und Teams definieren und ihnen ein Feedback \u00fcber ihre Lernfortschritte geben. Zudem k\u00f6nnen Chatbots und virtuelle Tutoren rund um die Uhr Fragen der Lernenden beantworten und ihnen beim L\u00f6sen ihrer Aufgaben assistieren.<\/li>\n<li><strong>Integration kognitiver Hilfsmittel: <\/strong>Visuelle, digitale Hilfsmittel wie Mindmaps und Concept Maps helfen den Lernenden beim Strukturieren, Verarbeiten und Speichern komplexer Informationen und f\u00f6rdern so den Kompetenzaufbau. Entsprechendes gilt f\u00fcr solche Lern-Apps wie Anki und Quizlet. Sie f\u00f6rdern durch ein wiederholtes \u00dcben das langfristige Speichern von Informationen.<\/li>\n<li><strong>F\u00f6rderung der Reflexion und Metakognition: <\/strong>KI-Tools k\u00f6nnen die Mitarbeiter dazu animieren, zum Beispiel in strukturierten Feedback-Sitzungen oder mit Selbstbewertungsinstrumenten, ihre Lernprozesse zu reflektieren, um ihre Lernstrategien zu verbessern. Dies ist f\u00fcr den Kompetenzauf- und -ausbau von zentraler Bedeutung.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie die Lernlandschaften k\u00fcnftig gestaltet sein werden, ist heute noch ungewiss \u2013 auch weil aktuell nahezu t\u00e4glich neue KI-Tools im Markt angeboten werden, deren Einsatzm\u00f6glichkeiten in der betrieblichen Bildung noch kaum erprobt sind. Klar ist aber bereits: Wenn sich die Verantwortlichen in den Unternehmen beim Gestalten der Lerninfrastruktur in ihrer Organisation an den Prinzipien der geteilten Kognition orientieren, wird sich in ihnen eine neue integrative Herangehensweise an die Themen Personalentwicklung und betriebliche Aus- und Weiterbildung etablieren, die das individuelle und kollektive Lernen verzahnt. Dies wird au\u00dfer zu besseren Lernergebnissen, auch zu einer st\u00e4rkeren Einbindung und somit h\u00f6heren Motivation der Mitarbeitenden f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autorin: Sabine Prohaska<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.weiterbildungsmarkt.net%2Fmagazin%2Fdistributed-cognition-theory-das-kollektive-und-individuelle-lernen-verzahnen%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fwww.weiterbildungsmarkt.net%2Fmagazin%2Fdistributed-cognition-theory-das-kollektive-und-individuelle-lernen-verzahnen%2F&text=Distributed%20Cognition%20Theory%3A%20Das%20kollektive%20und%20individuelle%20Lernen%20verzahnen\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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