
KI-gestützte Coaching-Tools gewinnen in der betrieblichen Personal- und Organisationsentwicklung an Bedeutung. Ein Gespräch mit der Wiener Coach-Ausbilderin und Lernkultur-Beraterin Sabine Prohaska über die neuen Chancen und Grenzen sowie Anforderungen an Coaches, die hieraus entstehen.
? Frau Prohaska, wenn wir 2036 auf das heutige Coaching zurückblicken: Worüber werden wir uns am meisten wundern?
Sabine Prohaska: Vermutlich über unsere heutigen Datenschutzbedenken. In zehn Jahren wird es selbstverständlich sein, dass Menschen – beruflich wie privat – KI-Systeme unter anderem zur Selbstreflexion nutzen, die auf persönliche Daten zugreifen.
? Halten Sie die aktuellen Bedenken für irrational?
Prohaska: Nein. Doch spätestens seit das Smartphone unser ständiger Begleiter ist, werden immer mehr persönliche Daten von uns erfasst und ausgewertet – unter anderem, weil wir eine individuelle Unterstützung wünschen: zum Beispiel beim Einkaufen, Musikhören, Autofahren, eine Reise planen oder andere Menschen kennenlernen und mit ihnen kommunizieren. Ein personalisierter Support setzt jedoch voraus, dass KI-Systeme Muster in unserem Verhalten erkennen und uns auf dieser Basis Angebote unterbreiten. Daran gewöhnen wir uns zunehmend – auch beim Coachen.
KI ermöglicht individuellere Förderung
? Welche Konsequenzen hat das für das Coaching-Business?
Prohaska: Die wachsende Akzeptanz eröffnet die Chance für neue Geschäftsmodelle. Das Coaching kann mithilfe von Chatbots und Apps stärker individualisiert und zugleich skaliert werden. Eingebettet in Lernmanagement- oder HR-Systeme können KI-Tools beispielsweise auf vorhandene Daten zugreifen und den Mitarbeitenden von Unternehmen personalisierte Reflexions- und Unterstützungsangebote machen. Chatbots können die eine erste Anlaufadresse sein, wenn Mitarbeitende Fragen, Unsicherheiten oder Entwicklungsanliegen haben. Das senkt die Hemmschwelle und fördert die frühe Reflexion – bevor Themen eskalieren und ein klassisches Coaching nötig wird.
Zudem entstehen neue Möglichkeiten zur Kompetenzentwicklung, denn durch die Mustererkennung wird sichtbar, welche Fragen und Entwicklungsbedarfe in Betreiben gehäuft auftreten. Das Coaching wird damit anschlussfähig an die Personalentwicklungsstrategien der Unternehmen und zu einem integralen Bestandteil der Lern- und Entwicklungsarchitektur in ihnen.
Die individuelle und organisationale Entwicklung verzahnen
? Welche Daten sind hierfür relevant?
Prohaska: Neben Basisdaten wie Position und Aufgaben vor allem Informationen zu den vorhandenen Qualifikationen, Kompetenzen und Interessen. Diese lassen sich mit den Lern- und Weiterbildungsdaten verknüpfen: Welche Programme nutzt eine Person? Welche Themen bearbeitet sie? Welche Kompetenzen sollen aufgebaut werden? So entsteht ein Entwicklungsprofil, das Unternehmen nutzen können, um Mitarbeitende gezielt zu fördern und in neue Rollen zu begleiten. Die KI kann Potenziale und Optionen sichtbar machen, die Menschen nicht unmittelbar erkennen. In Kombination mit einem menschlichen Coaching ermöglicht das eine Entwicklungsbegleitung, die die persönlichen Ressourcen und organisationalen Perspektiven zusammenführt.
? Machen die KI-Systeme menschliche Coaches überflüssig?
Prohaska: Nein, denn die KI kann zwar sehr gut Fragen stellen und Gespräche strukturieren, aber keine Beziehung gestalten. Ihr fehlt zudem das Gespür für den richtigen Moment: Wann ist eine Konfrontation hilfreich? Wann Zurückhaltung?
Hinzu kommt: Menschen sind soziale Wesen. Gerade bei emotional aufgeladenen und existenziellen Themen wünschen sie sich Resonanz und ein menschliches Gegenüber. Denn dann geht es im Coaching meist weniger um ein rationales Abwägen der Optionen als um solche entscheidungsrelevanten Faktoren wie Stimmigkeit, Bauchgefühl und emotionale Sicherheit. Das hierfür erforderliche In-Resonanz-Gehen, um bildhaft gesprochen, den Knoten endlich durchhacken zu können, lässt sich nicht algorithmisch ersetzen. Der Mehrwert eines Coachings durch Menschen liegt weiterhin in der emotionalen Tiefe und Intuition sowie im Umgang mit Ambivalenz.
? Wird sich das persönliche Coaching dennoch verändern?
Prohaska: Weniger als oft angenommen, denn eine strukturierte, reflexive Begleitung durch Coaches ist und bleibt wirksam. Jedoch wird im Vorfeld der Coachings zunehmend eine KI-gestützte Vor- und Nachbereitung der Treffen mit dem Coach erfolgen. Das heißt,
- die Coachees kommen häufiger mit vorab erarbeiteten Fragen oder Hypothesen in die Sitzung, die dann gemeinsam vertieft werden, und
- zwischen den Terminen hilft die KI, Gedanken weiterzuentwickeln oder Perspektiven zu prüfen.
Stark verändern wird sich jedoch die Zielgruppe. Ein Coaching, das primär der persönlichen Entwicklung und nicht der Beseitigung von Defiziten dient, war im betrieblichen Kontext bisher weitgehend Führungskräften vorbehalten – auch aus Kostengründen. Durch den verstärkten KI-Einsatz wird es für mehr Mitarbeitende zugänglich – bereichs- und funktionsübergreifend. Das Coaching entwickelt sich von einem exklusiven Angebot zu einem integralen Bestandteil organisationaler Lernprozesse.
Neue Standards und angepasste Ausbildungskonzepte
? Erfordert der verstärkte KI-Einsatz neue Standards im Coaching-Bereich?
Prohaska: Ja. Transparent muss beispielsweise sein, welches Coachingverständnis einem KI-System zugrunde liegt und wie es trainiert wurde. Stellt es nur Reflexionsfragen oder gibt es auch konkrete Ratschläge? Was geschieht, wenn ein Coachee trotz mehrerer Schleifen keine Lösung findet? Das sind nicht nur technische, sondern auch professionelle und ethische Fragen.
Wichtig bleibt zudem eine Abgrenzung zur Therapie. Bei Themen wie Burnout, Suchterkrankungen oder Angststörungen stößt das Coachen an seine Grenzen. Menschliche Coaches müssen diese kennen und im Prozess erkennen; KI-Systeme ebenso. Hier bedarf es verbindlicher Qualitätskriterien und möglicherweise spezieller Zertifizierungen für KI-gestützte Angebote.
? Muss sich auch die Ausbildung der Coaches ändern?
Prohaska: Ja, denn einen großen Teil der bisherigen Strukturierungsarbeit der Coaches wird künftig die KI übernehmen. Deshalb müssen die angehenden Coaches lernen, wann ihr Einsatz sinnvoll ist – und wann nicht. Der reflektierte Umgang mit KI wird zu einer Kernkompetenz von ihnen. Auch inhaltlich verschieben sich die Schwerpunkte, denn die klassischen Fragetechniken lassen sich gut digital abbilden. Wichtiger wird das, was nicht digitalisierbar ist: Beziehungsgestaltung, emotionale Präsenz, Wahrnehmung feiner Signale, Intuition und die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten. Coaches definieren sich künftig weniger über Methoden, sondern über ihre Beziehungsqualität.
Die KI als Werkzeug begreifen
? Was raten Sie Life- und Business-Coaches, um zukunftsfähig zu bleiben?
Prohaska: Neugierig bleiben und sich aktiv mit der KI befassen. Dazu gehört es, die Forschung zu verfolgen – besonders im psychotherapeutischen Bereich, in dem es bereits viele belastbare Daten zur KI-Nutzung gibt. Wichtig ist es zudem, selbst zu experimentieren. Denn nur wer KI-Tools ausprobiert, kann ihren Mehrwert realistisch einschätzen.
Entscheidend ist eine klare Haltung: nicht jede technische Möglichkeit nutzen, sondern bewusst das auswählen, was zur eigenen Arbeitsweise passt. Denn so wie das Online-Coaching heute – anders als wie noch vor wenigen Jahren – selbstverständlich ist, wird sich auch der KI-Einsatz zur Normalität entwickeln. Wer langfristig im Coachingmarkt erfolgreich sein möchte, muss die KI als Tool begreifen, das das menschliche Coaching sinnvoll ergänzt; und zudem gilt es die eigenen, auch künftig unverzichtbaren Qualitäten zu schärfen.
Im Interview:



















