Anforderungen an Blended Learning Trainer

Wie vielfältig die Fragen und neuen Herausforderungen sind, mit denen firmeninterne Trainer, die künftig ihre Kollegen auch online trainieren sollen, konfrontiert werden, sei an einem Fallbeispiel illustriert.

Der firmeninterne Parttime-Trainer Kurt Wagner (Name geändert) ist ein erfahrener Controller. Als solcher schult er auch (neue) Kollegen. Bisher tat der 45-jährige Betriebswirt dies nur in Präsenzveranstaltungen. Doch nun entscheidet die HR-Abteilung: Die Wissens- und Kompetenzvermittlung soll künftig weitgehend mit Blended-Learning-Konzepten erfolgen. Das Unternehmen implementierte hierfür ein Lernmanagementsystem (LMS). Den Trainer verunsichert diese Entscheidung, denn seine Trainertätigkeit verändert sich dadurch stark. Künftig wird er die Lerner nicht mehr persönlich im Seminarraum treffen, sondern mit ihnen mittels PC und Kamera kommunizieren. Daraus resultieren viele neue An- und Herausforderungen an ihn.

  • Seminarplanung und -design: Der firmeninterne Trainer muss sich für seine Seminarinhalte Lernziele überlegen und daraus ableiten, welche Inhalte er künftig online vermitteln kann und welche nicht. Fortan muss Wagner zudem der HR-Abteilung für jedes Lernmodul ein schriftliches Design vorlegen und sich vorab auf die genaue Abfolge der Inhalte sowie ein bestimmtes methodisches Vorgehen festlegen. Das widerspricht seiner bisherigen Arbeitsweise, bei der er oft situativ über das weitere Vorgehen entschied.
  • Lernplattformen nutzen und Webinare halten: In einem Online-Tutorial lernt Wagner die Lernplattform zu bedienen. Dabei merkt er, dass er sich für das optimale Gestalten von Webinaren auch mit folgenden Fragen befassen muss: Welche Gestaltungsmöglichkeiten bietet mir die Webinar-Plattform (Whiteboard-Funktion, Chat, Umfragetool, Bildschirm teilen usw.)? Wie lange sollte ein Webinar dauern? Wie kann ich die Teilnehmer so in den Prozess einbinden, dass sie online bleiben? Der Trainer spürt zudem, dass ihn das Arbeiten vor einer Kamera ohne direkten Augenkontakt mit den Teilnehmern Überwindung kostet und Übung erfordert.
  • Vertonte Bildschirmaufnahmen und Lernvideos: In dem Online-Tutorial erfährt Wagner, dass man mit PowerPoint Folien vertonen kann. Zudem ist es möglich, das Kamerabild aufzunehmen. Beim Anschauen der ersten Aufnahmen merkt er, dass er zu viel und lange spricht und seine Botschaften zuweilen nicht klar genug formuliert sind. Ihm wird bewusst, dass er sich auch mit Themen wie Videoaufnahme und -schnitt befassen muss.
  • Ansprechende Unterlagen produzieren: Bisher genügten als Seminarunterlage für die Teilnehmer ein Ausdruck der PowerPoint-Folien. Doch diese Infos allein reichen für ein Selbststudium nicht aus. Also gilt es, zusätzliche schriftliche Unterlagen zu erstellen und diese ins LMS hochzuladen. Hierfür muss sich der Parttime-Trainer unter anderem überlegen, welche Länge und Gliederung für den Text optimal ist und wie sich der Inhalt visualisieren lässt.
  • Wissensüberprüfungen erstellen: Um den Lerntransfer zu überprüfen, soll Wagner auch eine Wissensüberprüfung mit Multiple-Choice-Fragen erstellen. Dabei fragt er sich oft: Sind die Fragen zu leicht oder zu schwer? Für einen Themenbereich entwirft er zudem eine Fallarbeit. Die Teilnehmer sollen ihre Lösung als Dokument auf die Lernplattform hochladen. Binnen einer Woche sollen sie ein schriftliches Feedback erhalten.
  • Betreuung beim Online-Lernen: Der Trainer möchte in der Online-Phase für die Teilnehmer ansprechbar sein. Er bietet ihnen an, ihm im Lernmanagementsystem online Fragen zu stellen. Doch leider hat er erst zwei Wochen später wieder Zeit, in das Forum zu schauen. Dabei bemerkt er, dass einige Teilnehmer schon fast ebenso lange auf eine Antwort auf ihre Fragen warten, denn er hat die automatische Benachrichtigung bei neuen Posts nicht aktiviert.
  • Klare Vorgaben machen: Auch die ersten Rückmeldungen zu der Fallarbeit überraschen ihn: Manche Teilnehmer schreiben drei Sätze, andere fünf Seiten. Wagner erkennt, dass er genauere Vorgaben machen muss, wie lang die Ausarbeitungen sein sollen. Sein Unternehmen wünscht zudem, dass die Arbeiten im LMS in Prozent bewertet werden, damit es den Seminarerfolg der Teilnehmer beurteilen kann. Wagner muss sich ein klares, transparentes Bewertungsschema für die Fallarbeit überlegen und dieses den Teilnehmern vorab mitteilen.
  • Schriftliches Feedback geben: Auch das versprochene schriftliche Feedback ist keine leichte Aufgabe. Der Trainer muss dabei einerseits die Feedbackregeln beachten und sich andererseits so klar ausdrücken, dass die Teilnehmer verstehen, was gemeint ist. Die schriftliche Ausarbeitung des Feedbacks dauert daher länger als gedacht. Hierfür muss er mehr Zeit einplanen.

Die obige Schilderung zeigt, wie vielfältig die neuen Anforderungen an Trainer sind, wenn Unternehmen Blended Learning Konzepte in ihrer Organisation etablieren möchten. Die hierfür erforderlichen Kompetenzen gilt es ihnen zu vermitteln.

Autorin: Sabine Prohaska

Sabine Prohaska

Über den Autor: Sabine Prohaska

Sabine Prohaska ist Inhaberin des Trainings- und Beratungsunternehmen seminar consult prohaska. Sie ist Autorin der Bücher „Erfolgreich im Training - Praxishandbuch“ und "Coaching in der Praxis – Tipps, Übungen und Methoden für unterschiedliche Coaching-Anlässe“.

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