Agile Coaches brauchen Digitalkompetenz

Agile Coaches brauchen für ihre Arbeit außer einem agilen Mindset meist auch eine gewisse Digitalkompetenz, denn: Das Thema Digitalisierung spielt bei Agilen Transformationsprojekten oft eine wichtige Rolle. Das gilt es bei ihrer Ausbildung zu bedenken.

„Wir müssen als Organisation schneller und agiler auf Marktveränderungen reagieren.“ Dieses Bewusstsein ist bei vielen Unternehmen im zurückliegenden Jahr auch corona-bedingt gereift. Zudem sammelten nicht wenige die Erfahrung: Für die agile Transformation unserer Organisation genügt es nicht, agile Methoden einzuführen und die Strukturen zu verändern. Vielmehr ist auch ein agiles Mindset nötig, damit die Kultur in unserem Unternehmen in Bewegung kommt und sich die Strategie mit Leben füllt.

Ein solches Mindset lässt sich nicht per Dekret verordnen. Es entwickelt sich in einem Changeprozess, bei dem die Mitarbeiter und Führungskräfte meist eine aktive Unterstützung brauchen – zum Beispiel durch Agile Coaches. Darüber sind sich die Unternehmen inzwischen weitgehend einig; unklar ist ihnen aber oft noch,

  • was genau die Rolle der Agile Coaches ist und
  • welches Kompetenz- und Persönlichkeitsprofil diese brauchen.

Die künftigen Agile Coaches mit System auswählen

Nicht selten werden deshalb Projektmanager, Scrum Master oder Organisationsentwickler ohne eine spezielle Vorbereitung zu Agile Coaches ernannt. Die Praxis zeigt jedoch: Eine Leidenschaft fürs Thema und eine Methodenkenntnis allein genügen in der Regel nicht, um diese Funktion adäquat wahrzunehmen. Deshalb organisieren immer mehr Unternehmen für ihre angehenden Agile Coaches Fortbildungen, die ihnen das erforderliche Know-how und Können für ihre künftigen Aufgaben vermitteln sollen.

Bei deren Konzeption sollte bedacht werden: Eine Agile-Coach-Ausbildung muss den Teilnehmern auch das Mindset vermitteln, das Agile Coaches für ihre Arbeit brauchen – denn dieses entscheidet letztlich darüber,

  • was die Agile Coaches ihren Kollegen vermitteln und
  • ob die Methoden adäquat eingesetzt werden.

Agile Coaches sind letztlich Multiplikatoren. Also lautet die zentrale Frage: Was multiplizieren sie? Nur Methoden-Know-how oder auch die für ein agiles Arbeiten nötige Einstellung und Haltung? Die Antwort hängt außer vom  Konzept ihrer Ausbildung auch von der Auswahl der künftigen Agile Coaches ab.

Ein Anforderungsprofil für die Agile Coaches erstellen

Die Praxis zeigt, dass für die Arbeit als Agile Coach unter anderem folgende Kompetenzen beziehungsweise Fähigkeiten wichtig sind:

  • beziehungsgestaltende Kompetenzen (z.B. ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten inkl. der Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu gestalten; Team- und Kooperationsfähigkeit, ein Agile Leadership-Verständnis),
  • kognitive und (selbst-/emotions-)regulatorische Fähigkeiten (u.a. geistige Wendigkeit, Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz),
  • Fähigkeit zur Selbststeuerung (z.B. das eigene Verhalten beobachten, differenziert bewerten und nachjustieren können).

Diese Fähigkeiten bzw. Kompetenzen erleichtern es unter anderem

  • Ambiguitäten, also Mehrdeutigkeiten, souverän zu begegnen,
  • Veränderungen offen anzugehen und
  • sich schnell in einen volatilen Rahmen einzufinden, der durch wechselnde Rollen statt durch starre Strukturen und Hierarchien geprägt ist.

Grundsätzlich können sich alle Mitarbeiter und Führungskräfte auf die „Agile Reise“ begeben. Wichtig ist es aber, den Ausgangspunkt der Teilnehmer zu kennen, um eine individuelle Förderung und Entwicklung zu ermöglichen.

Den Entwicklungsbedarf mehrstufig ermitteln

Deshalb empfiehlt sich in der Praxis oft folgendes mehrstufige Vorgehen. Vor dem Start der Agil-Coach-Ausbildung führt das Unternehmen mit den potenziellen Teilnehmern zunächst einen „Agile Awareness Workshop“ durch – also einen Workshop, der ein Grundverständnis dafür schafft, was

  • agile Transformation überhaupt bedeutet,
  • welche Dimensionen dieser (Change-)Prozess berührt und
  • was die Aufgaben und Rollen eines Agile Coaches im Unternehmensalltag sind.

So vorbereitet und -informiert, erhalten die Interessenten dann gegen Ende des Workshops eine „Hausaufgabe“, die der nochmaligen Reflektion ihrer Motivation für die Ausbildung dient. Zudem werden sie gebeten, einen Persönlichkeitstest auszufüllen, der der Ermittlung ihrer Stärken und Lernfelder beim Wahrnehmen der Aufgaben eines Agile Coaches dient.

Danach werden die Kandidaten zu einem „Agile Attitude Development Day“ eingeladen. Dort reflektieren sie im Kollegenkreis nochmals, was sie dazu motiviert, eventuell ein Agile Coach zu werden, und mit welcher Haltung sie sich dem Thema Agilität nähern. Dabei werden sie spielerisch auch mit den agilen Prinzipien vertraut gemacht und setzen sich in verschiedenen Settings mit ihren künftigen Aufgaben und sich selbst auseinander.

Gegen Ende des Workshops erhalten alle Teilnehmer ein individuelles Feedback und die Auswertung des Persönlichkeitstests, um fundiert entscheiden zu können:

  • „Ja, ich will ein Agile Coach werden“ oder
  • „Ich kann in einer anderen Funktion mehr zum Steigern der Agilität unserer Organisation beitragen“.

Auch agile Coaches reifen nur allmählich

Der Vorteil eines solchen mehrstufigen Auswahlvorfahrens ist: Die Teilnehmer setzen sich schon vor Beginn der Agile-Coach-Ausbildung intensiv mit dem für Agilität nötigen Mindset auseinander. Zudem wird von Anfang an deutlich, wie wichtig eine hohe Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe sind, damit Menschen

  • ihre Einstellungen und ihr gewohntes Agieren reflektieren und
  • zu einer Änderung ihrer Haltung und ihres Verhaltens bereit sind.

Denn dies zu erreichen, ist eine ihrer Kernaufgaben als künftige Agile Coaches.

Die Ausbildung zum Agile Coach selbst sollte modular aufgebaut sein und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, damit bei den künftigen Agile Coaches die für ihre Arbeit nötige Einstellung und Haltung reifen können. Zudem sollten in der Ausbildung neben der Methodenvermittlung auch die Themen Selbstreflexion und Reflexion der gemachten Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen. Denn nur so entwickeln sich die angehenden Agilen Coaches weiter, und es entsteht bei ihnen allmählich die Haltung und Verhaltenssicherheit, die sie in ihrem Arbeitsalltag brauchen.

Die Coaches „klassisch“ oder online ausbilden?

Im zurückliegenden Jahr waren viele Unternehmen corona-bedingt genötigt, zumindest gewisse Module ihrer Agil-Coach-Ausbildung, die ursprünglich als reine Präsenzveranstaltungen geplant waren, online durchzuführen. Dabei zeigte sich: Dies hat auch Vorteile – auf verschiedenen Ebenen.

So signalisierten zum Beispiel Teilnehmer, die bereits herausfordernde Jobs in ihren Unternehmen hatten, sie könnten das Online-Lernen besser in ihren Arbeitsalltag integrieren, weil sich hierbei die Lerninhalte leichter in kleine Häppchen einteilen ließen; zudem erhöhe das Online-Lernen und -Trainieren sowie dessen Reflexion in der Ausbildungsgruppe ihre Digitalkompetenz.

Dies ist in mehrfacher Hinsicht von Vorteil. Zum einen spielt bei den meisten Projekten, die auf ein Erhöhen der Agilität abzielen, auch das Thema Digitalisierung eine wichtige Rolle. Deshalb müssen Agile Coaches oft auch eine gewisse Digitalkompetenz haben. Hinzu kommt, insbesondere bei bereichs- oder gar unternehmensübergreifenden Projekten: In ihnen erfolgen die Koordination der Zusammenarbeit und zumindest die Alltagskommunikation oft digital. Deshalb ist es ein Plus, wenn die künftigen Agile Coaches in ihrer Agile-Coach-Ausbildung den professionellen Umgang mit den dabei genutzten Kollaboration- und Kommunikationstools bereits einüben; des Weiteren wenn sie im Kollegenkreis aufgrund der hierbei gesammelten Erfahrungen zum Beispiel Fragen reflektieren wie: Worauf sollte ich als Agile Coach, wenn die Kommunikation weitgehend online erfolgt, besonders achten, wenn ich

  • Diskussionsprozesse über heikle Themen anregen oder
  • ein Commitment auf ein Vorgehen herbeiführen möchte?

Verfügen die Agile Coaches in diesem Bereich bereits über eine fundierte Erfahrung, hilft dies viele Irritationen zu vermeiden, die bei der Online-Kommunikation und digitalen Zusammenarbeit schnell entstehen.

Deshalb sollten Unternehmen beim Planen ihrer Agile Coach Ausbildung auch reflektieren: Inwieweit sollte diese online stattfinden, auch weil dies eher der alltäglichen Zusammenarbeit in unserer Organisation entspricht? In der Praxis werden sie sich nicht selten für hybride Ausbildungskonzepte entscheiden, die sowohl die Vorteile des Präsenz-, als auch Online-Lernens nutzen.

Über die Autorin:

Katja von Bergen arbeitet als Managementberaterin für die international agierende Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal (D), die u.a. Agile Coaches ausbildet. Die Betriebswirtin ist auf die Themenfelder agile Transformation und Unternehmensentwicklung spezialisiert.

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