Pygmalion Effekt

Pygmalion, ein König auf Zypern und begnadeter Bildhauer, hatte eine wunderschöne Frau aus Elfenbein geschaffen. Er verliebte sich unsterblich in sie. So sehr, dass er Aphrodite, die Göttin der Liebe, anflehte, seine Figur zum Leben zu erwecken. Sie erfüllte ihm den Wunsch, ließ Pygmalions Traum wahr werden und schenkte ihm die Frau fürs Leben.

Wenn also eine Erwartung wahr wird, nennen Psychologen das Phänomen Pygmalion-Effekt. Oder auch Rosenthal-Effekt. Denn der US-amerikanische Sozialpsychologe Robert Rosenthal wies ihn 1966 gemeinsam mit seiner Kollegin Leonore Jacobson in einer wissenschaftlichen Studie erstmals nach. Ein Experiment mit zufällig ausgewählten Grundschulkindern. Den Lehrern der einen Hälfte der Kinder wurde gesagt, dass sie besonders intelligente Schüler unterrichten werden. Den Lehrkräften der anderen Hälfte, dass ihre Kinder nur durchschnittlich begabt seien.

Nach einem Jahr stellte sich heraus, dass die angeblich intelligenteren Kinder wirklich bessere Leistungen erbracht hatten, sogar einen höheren Intelligenzquotienten als vor Beginn des Experiments nachwiesen. Die Erwartungen ihrer Lehrer hatten sie dazu befähigt. Eine selbsterfüllende Prophezeiung also.

Pygmalion-Effekt in zahlreichen Studien nachgewiesen

Die Studie hatte Ende der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts heftig Staub aufgewirbelt unter Pädagogen und Psychologen. Trotzdem wurde sie in weiteren Untersuchungen immer wieder bestätigt. So bewiesen Wissenschaftler mit Videoanalysen, dass die angeblich „intelligenteren“ Schüler von ihren Lehrern öfter angelächelt wurden, sie mehr Augenkontakt zu ihnen aufnahmen, mehr gelobt wurden als die anderen. Die deutschen Psychologen Joachim Freimuth und Jürgen Haritz stellten fest, dass der Pygmalion-Effekt selbst dann funktioniert, wenn die Schüler nichts von den Erwartungen wissen und die Lehrer glauben, sich neutral zu verhalten.

Leider funktioniert der Pygmalion-Effekt auch anders herum. Diese negative selbsterfüllende Prophezeiung wird Golem-Effekt genannt.

Er funktioniert auch im Berufsleben

Nicht nur in der Schule, auch im Berufsleben spielen der Pygmalion- und der Golem-Effekt eine große Rolle. So wie die Erwartungen des Chefs an seine Mitarbeiter sind, so werden sie ihre Arbeit erledigen. Freimuth und Haritz erklären, wie dieser Prozess abläuft. Vorgesetzte nehmen ihre Mitarbeiter nicht neutral wahr. Sie trauen ihnen etwas zu, oder auch nicht. Wichtigster Aspekt dabei: Vorgesetzte, die hohe Erwartungen in ihre Mitarbeiter haben, stellen anspruchsvolle Aufgaben und schaffen ein positives Arbeitsklima.

Wenn man die berufliche Leistung als Produkt von Fähigkeit und Willigkeit sieht, dann zielt der Pygmalion-Effekt vor allem auf den Leistungswillen, auf die Motivation der Mitarbeiter. Führungskräfte, die gute Leistungen ihrer Leute anstreben, sollten also möglichst eine emotionale Bindung zu ihren Kollegen schaffen. Wenn es ihnen gelingt, überzeugende Visionen aufzuzeigen, eine gute Arbeitsatmosphäre zu schaffen und klare Anforderungen zu stellen, dann ziehen die Kollegen mit.

Wenn aber der Chef seinen Mitarbeitern wenig Aufmerksamkeit entgegen bringt, keine Erwartungen an sie hat, sie links liegen lässt, werden die Leistungen unter das Durchschnittsniveau abfallen.

Wichtiger ist das Verhalten des Vorgesetzten

Übrigens zählt nicht nur, was der Vorgesetzte sagt. Wichtig ist auch die nonverbale Kommunikation, also auch die Gesten, der Gesichtsausdruck, die Haltung. Ein wohlwollender Gesichtsausdruck, ein Nicken können zeigen: „Mein Chef hält was von mir.” Ist der Vorgesetzte jedoch wortkarg, wenig kommunikativ und kalt, kommt beim Mitarbeiter an: „Mein Chef kann mich nicht leiden.” Wirtschafts-Coach Markus Hornig schreibt in einem Artikel des Magazins Focus: „Im Zugeknöpftsein, mit Gleichgültigkeit, wenig emotionaler Nähe und einer unterschwellig missmutigen Stimmlage bringen Chefs ihre tatsächliche Meinung über Mitarbeiter ungleich deutlicher zum Ausdruck als durch verbale Kommunikation.” Also nicht, was der Chef sagt, sondern wie er sich gibt, zeigt dem Mitarbeiter, was er von ihm hält, welche Erwartungen er an ihn hat.

Mit Pygmalion zu Höchstleistungen

So kann der Pygmalion-Effekt in der Führung der Mitarbeiter genutzt werden, um sie zu Höchstleistungen zu motivieren. Markus Hornig rät Vorgesetzten: Bleiben Sie unvoreingenommen, geben Sie jedem Mitarbeiter eine faire Chance. Machen Sie unmissverständlich klar, was sie erwarten. Setzen Sie realistische Ziele. Üben Sie sich in sozialer Kompetenz, bleiben Sie fair und gerecht. Seien Sie den Mitarbeitern Vorbild und vertrauen Sie ihnen. Er prophezeit: Dann gehen sie für ihren Chef durchs Feuer.

Autor: Redaktion

Werbung

Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie einen Kommentar:

Please enter your comment!
Please enter your name here